Ein neues (bayerisches) Ehrregime für ein neues (demokratisches) Zeitalter

Von der Widerstandsgruppe zu Ikonen des Widerstands: Erinnerung und Straßenbenennungen nach der Weißen Rose in München

Wenige Wochen nach der Befreiung Münchens wandten sich Bürger:innen an die Stadtverwaltung. Sie baten, Straßen oder Plätze nach den Geschwistern Sophie und Hans Scholl, Kurt Huber, Alexander Schmorell und Christoph Probst zu benennen. Sie waren die hingerichteten Mitglieder der „Weißen Rose“, die damals noch als „Münchener Studentenbewegung“ bekannt war und bis heute als Symbol des Widerstands gegen die nationalsozialistische Diktatur gilt. Unmittelbar nach Kriegsende gehörte das Gedenken an den mutigen und gewaltfreien Widerstand junger Menschen zu den ersten sichtbaren Zeichen des Bruchs mit der nationalsozialistischen Vergangenheit.

Das Gedenken an die Weiße Rose in München ging von der Bevölkerung aus. In Briefen wandten sich Bürger:innen und ehemalige Angehörige des Widerstands an die Stadtverwaltung und setzen sich für Benennungen zu Ehren der Mitglieder der Weißen Rose ein. Die Plätze vor der Münchener Universität wurden 1946 nach den Geschwistern Scholl und Professor Kurt Huber benannt. Sie sollten zum „geistigen Wiederaufbau“ Münchens beigetragen.

Heute gibt es in ganz Deutschland zahlreiche Straßen und Plätze, die nach den Mitgliedern der Weißen Rose benannt sind. Im Jahr 2025 benannte die Stadt Hamburg zuletzt die Hindenburgstraße in Traute-Lafrenz-Straße um. 

„Freiheit“ wiedergewonnen und neu gedeutet: Die Münchener Freiheit als Symbol der demokratischen Erneuerung

Die Danziger Freiheit war im September 1945 wieder kurzfristig in Feilitzschplatz rückbenannt worden. 1946 beschloss der Stadtrat die Umbenennung des zentralen Platzes und Verkehrsknotenpunktes in Schwabing in Münchener Freiheit. Der Name sollte an die Freiheitsaktion Bayern (FAB) erinnern. Sie war eine heterogene Widerstandsgruppe in Südbayern, die sich in den letzten Kriegstagen 1945 für die Kapitulation einsetzte. Ihr Ziel war es, weiteres Blutvergießen zu vermeiden. Die Aktivist:innen besetzten einen Radiosender, hissten (blau-)weiße Fahnen und räumten Panzersperren beiseite. Letzte SS-Einheiten schlugen die Aktion brutal nieder und ermordeten mehr als 50 Aktivist:innen.

Die Mitglieder der FAB äußerten nach Kriegsende den Wunsch, die Benennung einer Straße oder eines Platzes in Gedenken an die Todesopfer der Aktion. Sie waren von der Benennung in Münchener Freiheit „enttäuscht“.  Der Name stellte für sie eine Verzerrung der historischen Tatsachen dar, da die FAB in ganz Südbayern Widerstand leistete. Die Stadt München fertigte eine erklärende Zusatztafel an.  Angehörige des Widerstands trugen selbst dazu bei, die Erinnerung an Verfolgung und Widerstand wachzuhalten. Regelmäßig stießen sie auf Verdrängung und fehlende öffentliche Aufmerksamkeit.

Ein „Schandfleck der Münchener Stadtgeschichte“: Vom Hindenburgplatz zum Freiheitsplatz

Noch zu seinen Lebzeiten war Generalfeldmarschall und Reichspräsident Paul von Hindenburg(1847–1934) Ehrenbürger mehrerer deutscher Städte. Ebenso wurden zahlreiche Straßen und Plätze nach ihm benannt. Auch in München wurde Hindenburg als Identifikationsfigur für nationale Stärke und politische Stabilität geehrt. Nach 1945 kam es jedoch zu einer Neubewertung. Hindenburg hatte am 30. Januar 1933 Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt und damit wesentlich zur nationalsozialistischen „Machtergreifung“ beigetragen. Damit galt er vielen als Schlüsselfigur beim Übergang von der Demokratie zur Diktatur.

Vor diesem Hintergrund entschied der Münchener Stadtrat im Zuge der Entmilitarisierung die Hindenburgstraße und Landhuter Allee rück- und den Hindenburgplatz in Freiheitsplatz umzubenennen. Letzterer sollte jene ehren, die im Widerstand gegen den Nationalsozialismus ihr Leben gelassen hatten. Hindenburg wurde als „Verräter am deutschen Volk“ im Dezember 1946 die Ehrenbürgerschaft der Stadt Münchens aberkannt während viele andere Städte an den Ehrungen für den Reichspräsidenten bis in die jüngste Vergangenheit festhielten.

Wer sind die Opfer? Die Kontroverse um die Benennung des Platzes der Opfer des Nationalsozialismus

Ein Teil des Maximiliansplatzes wurde im Jahr 1946 in „Platz der Opfer des Nationalsozialismus“ umbenannt. Gegenüber der ehemaligen Gestapo-Zentrale auf dem Wittelsbacherplatz räumte die Stadtregierung den NS-Opfern damit einen zentralen Platz im Münchener Stadtbild ein. Sie setzte ein Erinnerungszeichen, dass allen Opfern des NS gedachte, die aus politischen, rassistischen oder religiösen Gründen verfolgt worden waren. Individuelle Verfolgungs- und Gewalterfahrungen blieben zunächst unausgesprochen. Die frühe Erinnerung an Diktatur und Krieg richtete sich vor allem auf moralische Erneuerung und Demokratisierung. 

Das Erinnern an die Verfolgten und Ermordeten der NS-Diktatur/Regimes war in der Münchner Bevölkerung und bei der US-Militärregierung umstritten. Sie äußerte Kritik an der Sichtbarkeit des Wortes „Nationalsozialismus“ im öffentlichen Raum. Die Stadtgesellschaft kritisierte die hohen Kosten und den Aufwand, da die Straßenschilder mehrfach aufgrund von Vandalismus erneuert werden mussten. Sie sprachen sich stattdessen für eine finanzielle Unterstützung ehemaliger KZ-Häftlinge aus.