Von der „Ehrenpflicht“ zur kritischen Hinterfragung
Von Raffael Viviani
Nur vier Tage nach dem Tod des Münchner Kardinals und Erzbischofs Dr. Michael von Faulhaber stellte die Stadtratsfraktion der Christlich-Sozialen Union (CSU) im Rathaus von München einen Dringlichkeitsantrag an den Stadtrat. Das Schreiben vom 16. Juni 1952 schlägt die Umbenennung der damaligen Promenadestraße, einer exklusiven Adresse im noblen Kreuzviertel der Münchner Altstadt, in Kardinal-Faulhaber-Straße vor. Am 17. Juni 1952, nur einen Tag später, wurde der Antrag bereits einstimmig genehmigt, was durch eine Anmerkung am Ende des Dokuments erkennbar wird.[1] Dass selbst die SPD und die Bayernpartei an einem Strang zogen, bildete eine wahre „Große Koalition der Ehrungen“.
Ausgehend von diesem Dringlichkeitsantrag lassen sich zentrale Aspekte des „Ehrregimes“ 1950er Jahre aufzeigen. Der Begriff „Ehrregime“ beschreibt die ungeschriebenen Regeln und Werte, nach denen eine Gesellschaft entscheidet, wer als öffentliches Vorbild gilt und politische Auszeichnungen wie etwa einen Straßennamen verdient.[2] Das „Ehrregime“ der jungen Bundesrepublik zeichnete sich vor allem durch eine Autoritätsgläubigkeit, den Wunsch nach Stabilität und Ordnung, Kontinuität und Verdrängung aus.
Eine „dringende“ und „selbstverständliche“ Pflicht
Einige dieser typischen Merkmale lassen sich auch im Antrag zur Benennung der Kardinal-Faulhaber-Straße finden. So schrieben die Antragstellenden, es „erübrigt sich“ Faulhabers Verdienste im Detail zu nennen, und griffen auf Formulierungen wie „Ehrenpflicht“[3] zurück. Die konservativen Parteien forderten eine sofortige Ehrung ohne kritisches Hinterfragen der Biografie Faulhabers. Diese Dringlichkeit taucht ebenfalls im Schreiben der Bayerischen Volkspartei auf, die die Annahme des Antrages als „selbstverständliche Pflicht“ ansah.[4]
Das bewusste Ausblenden problematischer Aspekte von Faulhabers Biografie ist kein Zufall, sondern typisch für die Geschichtspolitik der 1950er Jahre. Dabei war seine Verbindung zum NS-Regime bereits damals bekannt. Als Faulhaber 1949 Ehrenbürger von München werden sollte, verweigerten SPD, KPD und FDP noch die Zustimmung. Seine monarchistische Haltung, die scharfe Ablehnung der Revolution von 1918 waren bekannt und er wurde als Antidemokrat wahrgenommen. Auch dass er Hitler nach dem Reichskonkordat 1933 handschriftlich gratuliert hatte, gehörte zu seinem politischen Erbe.
Die „große Koalition der Ehrungen“ im Kalten Krieg
Es ging den politischen Parteien demnach nicht nur um die Person Faulhabers. Man wollte durch die Ehrung des verstorbenen Kardinals den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die soziale Ordnung in München stabilisieren.[5] Nach dem Chaos und der Zerstörung des Krieges sehnten sich die Menschen nach Kontinuität und Ordnung, wobei die katholische Kirche vielen als traditionelle Autorität Halt bot. Damit besaß sie in der jungen Bundesrepublik und ganz besonders im katholisch geprägten Bayern eine enorme Machtstellung. Ihr Einfluss reichte bis in die höchsten politischen Ämter. Politik und Gesellschaft orientierten sich stark an christlichen Werten, um die staatliche Ordnung zu festigen.
Dass Kardinal Faulhaber 1952 dennoch einstimmig geehrt wurde, resultierte auch aus den Bedingungen des Kalten Krieges: Faulhaber und die Kirche symbolisierten unverrückbare katholische und konservative Werte sowie einen strikten antikommunistischen Imperativ, den der Westen als ideologisches Bollwerk gegen den Osten brauchte. Diese „Entschuldigungssolidarität“[6] diente außerdem zum gegenseitigen Schutz. Indem der Münchner Stadtrat Faulhabers Verhalten im NS-Staat nicht thematisierte und keine kritischen Fragen stellte, mussten die politischen Entscheidungsträger auch die eigene Rolle nicht hinterfragen. Es ging also um Verdrängung statt Aufarbeitung. Die Ehrung war folglich Teil einer Schlussstrich-Mentalität.
Heilige Dreifaltigkeit im Stadtbild
Als Argumentationsgrundlage diente der Wohn- und Dienstsitz des Erzbischofs von München und Freising, das Palais Holnstein, in dem auch Kardinal Faulhaber fünfunddreißig Jahre lang residierte. Zusammen mit dem Erzbischöfischen Ordinariat und der 1951 umbenannten Pacellistraße entstand so eine „Heilige Dreifaltigkeit im Stadtbild“ und es wurde eine zentrale Achse der kirchlichen Macht zementiert. Für die Kardinal-Faulhaber-Straße den Ort der damaligen Promenadestraße zu wählen, zeigt also den Versuch einer gezielten (Re-)Katholisierung des Stadtplans. Die katholische Kirche sollte nicht nur durch Sakralbauten, sondern auch durch Straßennamen im Stadtplan sichtbarer werden und so einen symbolischen Gegenpol sowohl zum Nationalsozialismus als auch zum Kommunismus darstellen.
Erst ab den 1970er Jahren erlebten traditionelle Ordnungsinstanzen, wie beispielsweise die Religion, einen massiven gesellschaftlichen Bedeutungsverlust.[7] Es zeigt sich also: zur Zeit dieser Straßenumbenennung orientierten sich Politik und Gesellschaft noch stark an christlichen Werten, um die staatliche Ordnung zu festigen.
Heute offenbart dieser exklusive Ort der Altstadt, der von Adelspalästen und Luxushotels geprägt ist, eine brisante historische Ironie. Am 21. Februar 1919 wurde in der heutigen Kardinal-Faulhaber-Straße Kurt Eisner ermordet, der Gründer der Münchener Räterepublik. Erst seit 1989 erinnert hier ein Bodendenkmal an den ersten Bayerischen Ministerpräsidenten. Dass der Tatort des ermordeten Revolutionärs ausgerechnet den Namen seines schärfsten konservativen Kritikers trägt, verdeutlicht, wie konfliktreich historische Wertvorstellungen im kollektiven Gedächtnis und im Raum verankert werden.
Der Wandel des städtischen Ehrregimes
Der Antrag zur Ehrung Faulhabers von 1952 zeigt ein statisches Verständnis von Geschichte, da man seine Würdigung ohne Nachfragen durchführte. Ehrungen werden als dauerhafte Zementierung von Autorität begriffen. Heute gehen wir davon aus, dass Geschichte eben „nicht statisch“[8] ist, sondern sich unsere Sicht auf die Vergangenheit mit unserer Gegenwart verändert. Der Wandel des städtischen Ehrregimes bricht genau mit dieser Tradition. Was 1952 unter dem Begriff der „Ehrenpflicht“, als selbstverständlich und notwendig für Stabilität, Kontinuität und Tradition galt, wird in der heutigen Gesellschaft einer kritischen Prüfung unterzogen.
Das moderne „Ehrregime“ zeichnet sich weiter dadurch aus, dass sich öffentliche Ehre durch eine individuelle Haltung, Zivilcourage und die Verteidigung demokratischer Werte legitimieren muss und nicht allein durch ein Amt. Ehrungen sind heute keine naive Huldigung „großer Männer“ mehr, sondern eine lückenlose historische Analyse, die auch Fehlverhalten und Schuld klar benennt, wie etwa Faulhabers beharrliches Schweigen zum Holocaust oder die von ihm mitgetragene Vertuschung sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche.
Die Debatte um die Umbenennung ist somit keinesfalls ein Versuch, Geschichte zu löschen. Vielmehr ist es die Form der Erinnerung, die sich verändert. Es ist ein wichtiger Beweis für den Übergang von einer autoritätsgläubigen Gedenkkultur zu einer kritisch-aufklärenden Erinnerungskultur. Straßennamen sollen nicht mehr als das ewige und unveränderliche Erbe vergangener Geschichtspolitik, sondern als Abbild der aktuellen demokratischen Wertvorstellungen verstanden werden.[9] Der Dringlichkeitsantrag der CSU ist damit ein wichtiges Dokument, um das damalige „Ehrregime“ und die Geschichtspolitik der frühen Nachkriegszeit zu verstehen.
Raffael Viviani studiert Politikwissenschaft im Hauptfach und Geschichte als Nebenfach im 2. Fachsemester an der Ludwig-Maximilians-Universität München.
[1] Stadtarchiv München, BUR-1986, Strassen-Namen und Haus-Nummern, Verschiedenes, Dringlichkeitsantrag zur Umbenennung der Promenadenstraße in Kardinal-Faulhaber-Straße durch die Stadtfraktion der CSU vom16.06.1952.
[2] Vgl. Von Reeken, Dietmar/Thießen, Malte: Ehrregime. Perspektiven, Potenziale und Befunde eines Forschungskonzepts, in: Ehrregime. Akteure, Praktiken und Medien lokaler Ehrungen in der Moderne (2016), S. 11-32.
[3] Vgl. Stadtarchiv München, BUR-1986, Strassen-Namen und Haus-Nummern, Verschiedenes, Dringlichkeitsantrag zur Umbenennung der Promenadenstraße in Kardinal-Faulhaber-Straße durch die Stadtfraktion der CSU vom16.06.1952.
[4] Vgl. Stadtarchiv München, BUR-1986, Strassen-Namen und Haus-Nummern, Verschiedenes, Dringlichkeitsantrag zur Umbenennung der Promenadenstraße in Kardinal-Faulhaber-Straße durch die Stadtfraktion der Bayerischen Volkspartei vom 15.06.1952.
[5] Vgl. Von Reeken, Dietmar/ Thießen, Malte: Ehrregime. Perspektiven, Potenziale und Befunde eines Forschungskonzepts, in: Ehrregime. Akteure, Praktiken und Medien lokaler Ehrungen in der Moderne (2016), S. 11-32.
[6] Sutor, Bernhard: Restauration oder Neubeginn? Politische Bildung 1945-1960, in: Bundeszentrale für politische Bildung (1999), https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/archiv/538802/restauration-oder-neubeginn-politische-bildung-1945-1960/ (letzter Zugriff am: 04.01.2026).
[7] Anselm Doering-Manteuffel/Lutz Raphael: Nach dem Boom. Perspektiven auf die Zeitgeschichte seit 1970, Göttingen 2008.
[8] Von Tunzelmann, Alex: Heldendämmerung. Wie moderne Gesellschaften mit umstrittenen Denkmälern umgehen (2022).
[9] Vgl. Frese, Matthias: Straßennamen als Instrument von Geschichtspolitik und Erinnerungskultur. Fragen und Diskussionspunkte, in: Fragwürdige Ehrungen!? (2012), S. 9-20.