Verwilderte Verantwortung: Der Umgang mit dem Ehrentempel auf dem Königsplatz seit 1945

Von Selin Cengiz

Die Ehrentempel am Königsplatz standen einst im Zentrum der nationalsozialistischen Inszenierung von „Ehre“ und wurden nach 1945 zu einem Problem der Entnazifizierung. Die Frage, was mit ihren Überresten geschehen soll und welche Erinnerung sie heute tragen, beschäftigt die Münchner Erinnerungskultur bis heute.

Der Königsplatz und seine vergessenen Tempelsockel

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 wurde der Münchner Königsplatz zu einem zentralen Schauplatz der Inszenierung der NSDAP. An seiner Ostseite entstanden 1935 die Ehrentempel als zentrale Gedenkstätten für die Getöteten des Hitlerputsches von 1923.[1] Während sie in der NS-Zeit als Kulisse großer Propagandazeremonien dienten und beinahe sakrale Bedeutung erlangten, erinnern heute nur noch verwilderte Sockel an die einstige Kultstätte.[2] Täglich passieren Hunderte Menschen die verwilderten Überreste, deren historische Bedeutung beinahe in Vergessenheit geraten ist. Dabei stellt sich die Frage: Welche Alternativen zur Sprengung der Ehrentempel gab es nach 1945 und wie geht die gegenwärtige Erinnerungskultur mit den verwilderten Sockeln der Tempel um? Die Annäherung an diese Frage erfordert zunächst einen Blick auf die Grundlagen: die Bedeutung von „Ehre“ im Nationalsozialismus, den Hitlerputsch als historischen Anlass für den Bau, sowie die propagandistische Intention der Tempel. Darauf aufbauend werden der Umgang mit den Tempeln in der Nachkriegszeit und die verschiedenen Umgestaltungsoptionen dargelegt. Im Anschluss schlägt das Projekt „Schutt und Ehre“ den Bogen in die Gegenwart, um zu zeigen, wie die heutige Erinnerungskultur in München mit den verbliebenen Sockeln umgeht.

Die Ehrentempel: Von den Ehrungen zur Kultstätte

Im Nationalsozialismus war „Ehre“ ein zentrales politisches und propagandistisches Instrument zur Herrschaftssicherung. Ehrungen dienten dem Zweck, systemkonforme Werte zu vermitteln und der Gesellschaft als zukunftsorientiertes Vorbild zu dienen. Von einflussreichen Personen oder Gruppen gesteuert, fungierten sie als psychologisches Druck- und Machtmittel, um Leistungen zu motivieren und politische Interessen durchzusetzen. [3] Gleichzeitig besaßen Ehrungen dadurch eine tiefe Problematik, sie wurden zum Werkzeug der Ideologie und gleichzeitig zur Waffe der gezielten gesellschaftlichen Vernichtung. Wer den Erwartungen des Regimes nicht entsprach, dem drohten Entehrung und eine systematische Herabwürdigung. Mit der Erbauung der Ehrentempel auf dem Münchner Königsplatz manifestierte sich das Ehrregime schließlich physisch.[4]

Hoffmann: Ehrentempel der Nationalsozialisten, um 1935, Stadtarchiv München,  DE-1992-FS-HB-XII-a-178.

Der historische Hintergrund der Errichtung liegt im gescheiterten Hitlerputsch vom 8. und 9. November 1923. Was als gewaltsamer Umsturzversuch gegen die Weimarer Republik begann und im Zusammenstoß mit der bayerischen Landespolizei an der Feldherrnhalle endete, wurde von der NSDAP nach der Machtübernahme zu einem zentralen Gründungsmythos erhoben. Die fünfzehn getöteten Putschisten und ein beteiligter Zivilist wurden zu „Blutzeugen der Bewegung“ erklärt, deren vermeintlicher Märtyrertod als propagandistisches Vorbild für die Bevölkerung diente. Um dieses Narrativ zu verankern, errichtete das Regime die von Paul Ludwig Troost entworfenen Ehrentempel auf dem Königsplatz. Die offenen Steinbauten dienten als Ruhestätte für die Särge der Getöteten. Durch die dort jährlich stattfindenden rituellen Abläufe und den Einsatz von Symbolen wie der Blutfahne wandelte sich die ursprüngliche Ehrung der Toten zu einem sakralen Kult der NSDAP, der den Opfertod für die „Volksgemeinschaft“ zur höchsten Ehre erklärte.[5]

H. u. M. Wutz Kunstverlag München: Ehrentempel am Königsplatz, um 1938,  Stadtarchiv München, DE-1992-FS-PK-STB-14422.

Das Dilemma um den Umgang mit den Tempeln nach Kriegsende

Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 begann die Entnazifizierung des öffentlichen Raums, die auch die Ehrentempel umfasste. Doch die Bereinigung des Königsplatzes von nationalsozialistischer Ideologie und Symbolik erwies sich schwieriger als gedacht. Schon im Sommer 1945 wurden die Sarkophage  aus den Bauten entfernt und die sterblichen Überreste der Putschisten auf Münchener Friedhöfen beigesetzt.

Die Tempel blieben auch ohne die Särge im Stadtbild und damit im Bewusstsein der Bevölkerung als NS-Kultstätten präsent. Um diese symbolische Wirkung zu entkräftigen, griffen die Behörden auf eine Direktive des Alliierten Kontrollrats zurück. Diese verpflichtete dazu, bis zum 1. Januar 1947 sämtliche NS-Denkmäler und Symbole zu entfernen oder unkenntlich zu machen, wozu neben monumentalen Kultstätten wie den Tempeln auch unzählige NS-Kriegerdenkmäler sowie Hakenkreuzsymbole gehörten.[6]

MStArch, BUR – 1987, Bereinigung des Königsplatzes; Oberbürgermeister Scharnagl, Stadtbauamt, 31.07.1945.

Erste Ideen zur Umgestaltung der Tempel übermittelte der Münchner Oberbürgermeister Karl Scharnagl bereits im Juli 1945 an den bayerischen Ministerpräsidenten. Er schlug vor, die Tempel zu erhalten und ihnen im Sinne der „Kulturverbundenheit“ eine neue Funktion zu geben. Der eine Tempel sollte dem Weltfrieden und der andere dem Völkerverständnis dienen.[7] Die Antwort der US-Militärregierung fiel nüchtern aus. Sie forderte die sofortige Abtragung sowie Vernichtung beider Bauten und lehnte den Vorschlag des Oberbürgermeisters für eine neue Zweckbestimmung entschieden ab.[8]

Der Architekt Dieter Sattler, der als Vertreter des Landbauamts eingesetzt war, erläuterte 1946 drei Möglichkeiten für das weitere Vorgehen mit den Tempeln. Dabei nannte er die Sprengung, bzw. den Abbruch, die aus Sicht der Amerikaner sinnvoll erschienen, und eröffnete mit einer dritten Perspektive aber auch Raum für Scharnagls Vorschlag eines Umbaus. Sattler hatte dabei eine vollständige Umgestaltung in zwei Kunstausstellungsräume vor Augen. Er betonte, dass es ohnehin schon genügend Ruinen in der Stadt gäbe und ein Umbau ein positives Zeichen sei. Durch diese Argumentation schaffte er es, die Tempel vorerst vor der Sprengung zu bewahren.[9] Im Januar 1947 kam es dann, entgegen den Umbauvorschlägen von Sattler und Oberbürgermeister Scharnagl, auf Anordnung des Ministerpräsidenten zur Sprengung beider Ehrentempel.[10]

Verwilderte Verantwortung: Die Ruinen der Tempel inmitten des Stadtzentrums

Zurück blieben nur die leeren Tempelsockel und die Frage, was mit ihnen geschehen sollte. Um eine Lösung zu finden, schrieb Sattler einen Wettbewerb aus, an dem sich Architekten, ihn selbst eingeschlossen, mit Entwürfen für eine Neubebauung beteiligen konnten. Der erhoffte Erfolg blieb jedoch aus. Statt konkreter Pläne entbrannte eine Debatte darüber, ob es sinnvoll wäre, die Sockel überhaupt neu zu bebauen. Trotz weiterer Entwürfe und intensiver Diskussionen kam es letztlich zu keinem Bauvorhaben. Mit der Zeit gewöhnte sich die Bevölkerung an den Anblick, und das öffentliche Interesse an der Fläche schwand. Der einzige Vorschlag, der schlussendlich umgesetzt wurde, war die Bepflanzung der Ruinen.[11]

Die anfänglichen Initiativen, die Ehrentempel komplett umzugestalten zu wollen, endeten in einer bloßen verwilderten Grünfläche. Die Bepflanzung der Sockel kann dabei als stille Übereinkunft verstanden werden, die das Problem nicht löste, sondern vielmehr aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängte. Anstatt eine aktive Auseinandersetzung mit dem Ort zu fördern, wuchs Gras über die Geschichte des Ortes. Es entstand eine unauffällige Fläche, deren historische Bedeutung zunehmend in Vergessenheit geriet. Die Sockel stehen nach wie vor unberührt im Königsplatz, und ein neuer Ansatz für eine tatsächliche Neubebauung wurde bis heute nicht umgesetzt.[12]

Das Projekt „Schutt und Ehre“: Ein Ansatz im Umgang mit den Ehrentempeln 

Connolly Weber Photograph: Bild der Installation „Schutt und Ehre“, NS-Dokumentationszentrum München, um 2022.

Die zaghafte Auseinandersetzung mit den Überresten der Ehrentempel ist Bestandteil unserer heutigen Erinnerungskultur. Der Begriff umfasst die bewusste Beschäftigung einer Gesellschaft mit ihrer Vergangenheit, was den kritischen Umgang mit Täterorten miteinschließt. Als Zeugnisse der NS-Zeit, ehren die Tempelruinen heute keine Nationalsozialisten mehr, sondern sind eine Aufforderung zur aktiven Auseinandersetzung mit der Geschichte.[13]

Der ungelöste Zustand und das jahrzehntelange Schweigen um die Ruinen wirken bis heute nach. Dies griff im Frühjahr 2022 das temporäre Kunstprojekt „Schutt und Ehre“ auf. Die Installation des Bündnisses Schulterschluss in Kooperation mit dem NS-Dokumentationszentrum München machte die zugewachsenen Tempelsockel wieder sichtbar. Das Projekt sah die überwachsenen Sockel als wichtige „Leerstelle“ und nutzte sie als Denkanstoß. Durch die Einbindung von Jugendlichen sollte eine neue, lebendige Erinnerungskultur angestoßen werden. Damit zeigte die Installation, dass die Debatte um den historischen Ort und die Verantwortung dafür auch nach Jahrzehnten keineswegs abgeschlossen ist.[14]

Die Geschichte der Ehrentempel zeigt, wie schwierig der Umgang mit Orten der Ehrung von „Märtyrern“ nach dem Ende einer Diktatur sein kann. Obwohl 1945 zunächst verschiedene Konzepte für eine Umgestaltung diskutiert wurden, führten die Sprengung der Tempel und die spätere Bepflanzung ihrer Sockel nicht zu einer endgültigen Lösung der Erinnerungsfrage. Projekte wie „Schutt und Ehre“ verdeutlichen daher, dass die Auseinandersetzung mit den Überresten des Nationalsozialismus auch heute noch notwendig ist und aktiv gestaltet werden muss.

Selin Cengiz studiert im 6. Semester Mittelschullehramt mit dem Hauptfach Geschichte.


[1] Grammbacher, Ulrike/ Lauterbach Iris: Das Parteizentrum der NSDAP in München, Berlin 2009, S. 13-18.

[2] Grammbacher/Lauterbach: Parteizentrum der NSDAP, S. 22-24.

[3] Von Reeken, Dietmar/ Thießen Malte: Ehrregime. Akteure, Praktiken und Medien lokaler Ehrungen in der Moderne, in: Reulecke, Jürgen/ Birgit Neumann (Hrsg.): Formen der Erinnerung, Göttingen 2016. S.19-22.

[4] Grammbacher/Lauterbach: Parteizentrum der NSDAP, S. 22.

[5] Ziegler, Walter: Hitlerputsch (8./9. November 1923), in: Historisches Lexikon Bayerns, (2006), https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Hitlerputsch_(8./9._November_1923) Zugriff 18.06.2026.

[6] Stoll, Ulrike: Kulturpolitik als Beruf. Dieter Sattler (1906-1968) In München, Bonn und Rom. Paderbonn 2005.

[7] Stadtarchiv München (MStArch), BUR – 1987, Bereinigung des Königsplatzes; Oberbürgermeister Scharnagl, Ministerpräsident Schäffer, 6.6.1945.

[8] MStArch, BUR – 1987, Bereinigung des Königsplatzes; Oberbürgermeister Scharnagl, Stadtbauamt, 31.07.1945.

[9] Stoll, Ulrike: Kulturpolitik als Beruf. S. 168-169; MStArch, BUR – 1987, Bereinigung des Königsplatzes; Dr. Dieter Sattler, Denkschrift über Entfernung der Ehrentempel am Königsplatz München, 3.12.1946.

[10]Stoll, Ulrike: Kulturpolitik als Beruf. S.171-172.

[11] Ebd. S. 173-176.; MStArch, BUR – 1987, Bereinigung des Königsplatzes; Stadtrat Dr. Seemüller, Rechtsreferat, Anfrage der Bayer. Schlösserverwaltung betr. Beteiligung der Stadt an der Begrünung und Bepflanzung de Geländes der ehem. sog. Ehrentempel am Königsplatz, 3.07.1956.

[12] Stoll, Ulrike: Kulturpolitik als Beruf. S. 176.

[13] Lücke, Martin/Zündorf, Irmgard: Einführung in die Public History. Göttingen 2018. S.30-32.

[14] Schutt und Ehre. 75 Jahre Sprengung der sogenannten Ehrentempel, in: Schulterschluss, https://schulterschluss-initiative.de/projekte/schutt-und-ehre/ Zugriff 16.06.2026.