Straßennamen und Erinnerungskultur in der unmittelbaren Nachkriegszeit
Die Namen von Straßen und Plätzen sind keine neutralen Orientierungshilfen, sondern drücken politische, gesellschaftliche und kulturelle Wertvorstellungen aus. Um-, Neu- oder Rückbenennungen sind das Resultat erinnerungspolitischer Deutungskämpfe über die Vergangenheit in der Gegenwart, die langfristige Auswirkungen auf die Zukunft haben. Die Ausstellung zeigt am Beispiel Münchens, wie der öffentliche Raum im Kontext der Entnazifizierung bereits unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zum Ausdruck der politischen Neuordnung und zum Schauplatz gesellschaftlicher Umorientierung wurde. Bereits in den 1940er Jahren machten hunderte (Um-)Benennungen sichtbar, wie Gesellschaft und Politik mit dem historischen Vermächtnis der „Hauptstadt der Bewegung“ umgingen. Die Fragen und Debatten im München der unmittelbaren Nachkriegszeit zeigen nicht nur den Umgang mit der lokalen NS-Vergangenheit und die Herausbildung einer neuen, demokratischen Erinnerungskultur vor Ort auf, sondern nehmen bereits die Fragen aktueller Debatten über Straßennamen, Sichtbarkeit und historische Verantwortung vorweg. Darüber hinaus sollen die Ausstellung und die begleitende Webseite universitäre Lehre als Ort der Wissensproduktion sichtbar machen.
Erinnerungskultur und Geschichtspolitik, Ehrregime und Straßennamen
Erinnerungskultur bezeichnet den Umgang der Gesellschaft mit der eigenen Geschichte. Sie wirkt identitätsstiftend und ist nur möglich, wenn die Vergangenheit präsent gehalten wird, z. B. durch Museen, Denkmäler, Rituale, Texte, Bilder oder eben Straßennamen, die in das Alltagsleben hineinwirken. Erinnerungskultur ist nie statisch, sondern stetig im Wandel – ebenso wie gesellschaftliche Wertvorstellungen, die sich unter dem Einfluss politischer Debatten und neuer Erkenntnisse verändern.
Ein Ehrregime beschreibt die allgemeinen Regeln und Vorstellungen darüber, wer oder was in einer Gesellschaft als erinnerungswürdig gilt. Ehrenbürgerschaften, Denkmäler, und Straßenbenennungen machen nicht nur sichtbar, welche Personen, Ereignisse und Werte eine soziale Gruppe ehren möchte. Ehrungen ebenso wie Entehrungen sind als soziale Praxis zu verstehen. Sie machen Motive und Ziele, Akteur:innen und Aushandlungsprozesse sowie Projektionen der Vergangenheit sichtbar. Ehrregime sind immer an ihren historischen Kontext gebunden. Sie verändern sich gemeinsam mit den politischen Machtverhältnissen und gesellschaftlichen Wertvorstellungen.
Straßennamen dienen nicht nur der räumlichen Orientierung. Sie bewahren die Erinnerung an Personen, Ereignisse und Orte und sind Ausdruck bestimmter Wertvorstellungen und Deutungen der Vergangenheit im Alltag. Um-, Rück- und Neubenennungen von Straßen zeigen, wie eine Stadt ihre Vergangenheit bewertet, woran sie erinnern will (und welche Erinnerungen im öffentlichen Raum nicht länger hervorgehoben werden sollen).