Der Platz der Opfer des Nationalsozialismus und Münchens Problem mit der Erinnerungspolitik unmittelbar nach Kriegsende

Die „Hauptstadt der Verdrängung“*

*Zitiert nach Hockerts, Hans-Günter: Stadt und Erinnerung. Am Beispiel München, in: Winfried Nerdinger: Stadt und Erinnerung. Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in Berlin, Hamburg und München. München 2017. S. 53-67. S. 53.

Von Martin Igler

Der Platz der Opfer des Nationalsozialismus ist heute ein fester Bestandteil des Münchner Stadtbilds. Gegenüber der ehemaligen Gestapo-Zentrale erinnert eine ewige Flamme Tag und Nacht an die Verbrechen der Nationalsozialisten. Das Mahnmal war jedoch lange umstritten. Die Kosten, um kontinuierlich eine Flamme lodern zu lassen empörte Bürger der Stadt München. Diese Empörung spiegelte sich in der Entscheidung des Stadtrates im Jahre 1985 wider, die Flamme nur noch zu Gedenktagen zu entfachen. Aufgrund von Beschwerden, das Denkmal werde so seiner Bedeutung nicht gerecht, wurde diese Entscheidung nur wenige Wochen später wieder zurückgenommen.[1]

So kontrovers wie das Mahnmal, war bereits die Benennung des Platzes. Am 9. Mai 1946 beschloss der Münchner Stadtrat, die Verkehrshalbinsel am Ende der Brienner Straße zum Platz der Opfer des Faschismus zu benennen.[2] Damit setzte der Stadtrat eine Idee der Abteilung für politisch Verfolgte im Städtischen Wohlfahrtsamt München um. Diese hatte ursprünglich vorgeschlagen, den historischen belasteten Königplatz in Platz der Opfer des Faschismus umzubenennen.[3]

Die Benennung stieß bei der amerikanischen Militärregierung auf Widerstand, die im April 1947 auf einem „demokratischeren“ Namen für den Platz einforderte.[4] In einem Brief an das Wiederaufbaureferat vom 13. Juni 1947 merkte Oberbürgermeister Karl Scharnagl an, dass Oberst James H. Kelly wünsche, „von der vergangenen Zeit überhaupt nicht mehr zu sprechen“.[5] Auch wenn Scharnagl Kelly grundsätzlich beipflichtete, lehnte er die Bitte der Militärregierung mit der Begründung ab, dass eine Umbenennung zu „sehr heftigen Auseinandersetzungen im Stadtrat wie in der Öffentlichkeit“ führen würde.[6]

In den Dokumenten über die Benennung des Platzes der Opfer des Nationalsozialismus lässt sich ein zentrales Motiv in der Aufarbeitung der NS-Zeit in der ehemaligen „Hauptstadt der Bewegung“ erkennen: der Wunsch nach dem Verschweigen der Vergangenheit durch Stadtverwaltung und Militärregierung. München wurde bald zur „Hauptstadt der Verdrängung“, wie Winfried Nerdinger die Stadt München in einem Beitrag für die Süddeutsche Zeitung provokant taufte.[7] Das spiegelte auch in Reaktionen aus der Bevölkerung auf die Benennung wider. So sind mehrere Vorfälle von Vandalismus am Platz der Opfer des Nationalsozialismus überliefert. In einem Brief an das Wiederaufbaureferat merkte ein Mitarbeiter des städtischen Oberbaurats an, dass „wieder zwei Straßenschilder entwendet und die 3. durch übermalen [sic!] unleserlich gemacht wurde. […] Die Abteilung Straßenbau wird neue Straßenschilder in Auftrag geben und noch höher als bisher anbringen.“[8] Der Diebstahl der Schilder und das symbolische Auslöschung des Namens waren kein Einzelfall und zeigen, dass einzelne Bürger:innen versuchten das Gedenken an die Opfer zu sabotieren. Zusätzlich erreichten den Oberbürgermeister mehrere Beschwerden aus der Bevölkerung, die funktionalistische Argumente gegen die Benennung vorbrachten, diese z.B. als Zeitverschwendung oder zu teuer bezeichneten, um eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit abzuwehren.[9] Ein Bürger kritisierte, dass der Name zu lang sei und würde „auf keine Postkarte mehr herauf [passen]“ würde.[10] Diese Kritik war haltlos, da sich am Platz der Opfer des Nationalsozialismus keine Adresse befindet und allein der Bereich der Fläche, auf dem sich heute das Mahnmal befindet diesen Namen trägt.[11] Ein anderer Bürger legte dem Stadtrat nahe, dass die „praktische Hilfe an KZ-lern […] mehr wert“ sei als Umbenennungen von Straßen.[12] Damit regte er an, dass sich die Politik um Überlebende kümmern sollte, anstatt Symbolpolitik zu betreiben. Auf der symbolischen Ebene der Umbenennung von Straßen und Plätzen war die Entnazifizierung damit ebenso umstritten, wie auf der politischen und juristischen Ebene.[13]

Die Benennung des Platzes der Opfer des Nationalsozialismus unterstützt das Bild, das Nerdinger mit dem Begriff der „Hauptstadt der Verdrängung“ zeichnete. Die Stadtregierung stieß mit so manchem erinnerungspolitischen Vorhaben schnell auf Widerstand, sowohl aus der Bevölkerung als auch bei der Militärregierung. Trotz aller Kritik blieben Oberbürgermeister Scharnagl und der Stadtrat bei ihrer Entscheidung, einen Platz den Opfern des Nationalsozialismus zu widmen. Warum dieses Anliegen für Karl Scharnagl so wichtig war, lässt sich aus den Quellen nicht unmittelbar nachvollziehen. Ein mögliches Motiv könnte dabei seine eigene Erfahrung gewesen sein. Scharnagl war bis 1933 Münchener Oberbürgermeister, wurde nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten zum Rücktritt gezwungen. Wegen seiner Beteiligung am Widerstand wurde Scharnagl vor Kriegsende in das Konzentrationslager Dachau deportiert.[14] Sein Engagement für die Vergangenheitsbewältigung unmittelbar nach Kriegsende könnte dementsprechend auf seine kritische Haltung zum Nationalsozialismus und seiner Beteiligung am Widerstand zurückzuführen sein.

Martin Igler studiert im 6. Semester Englisch und Geschichte auf Lehramt. Er hat im Wintersemester 2025/26 an der Übung „Benennung von Straßennamen in München nach 1945“ teilgenommen.


[1] Wetzel, Jakob: Schwieriges Erinnern, URL: https://www.sueddeutsche.de/muenchen/platz-der-opfer-des-nationalsozialismus-schwierige-erinnerung-1.1872249 [zuletzt abgerufen am 07.04.2026].

[2] Vgl. Stadtarchiv München, STRA-40-65-12, Preis, Brief an Stadler über Bekanntgabe vom Stadtrat den Rondellplatz an der Brienner Straße zum Platz der Opfer des Faschismus zu benennen, 9. März 1946.

[3] Vgl. Stadtarchiv München, STRA-40-65-12, Stadler, Brief an Münchner Oberbürgermeister Karl Scharnagl über den Tag der Opfer des Faschismus, 5. Dezember 1946.

[4] Stadtarchiv München, BUR-1986, James H. Kelly, Military Government, Liason and Security Office an Oberbürgermeister Dr. Karl Scharnagl, 30. April 1947.

[5] Stadtarchiv München, STRA-40-65-12, Scharnagl, Brief an Referat 12 über die Bitte des Oberst Kelly von der amerikanischen Militärregierung, die Benennung des „Platz der Opfer des Faschismus“ zurückzunehmen, 13. Juni 1947.

[6] Stadtarchiv München, BUR-1986. Direktorium A, Betrifft: „Platz der Opfer des Nationalsozialismus“, 13. Juni 1947. 

[7] Zitiert nach Hockerts, Hans-Günter: Stadt und Erinnerung. S. 53

[8] Vgl. Stadtarchiv München, STRA-40-65-12, Grimm, Anmerkung an Referat 12, es wären zum wiederholten Male die Straßenschilder abgenommen oder verunstaltet, 9. Mai 1946.

[9] Zu Funktionalistischen Argumenten: Vgl. Pöppinghege, Rainer: Geschichtspolitik per Stadtplan. S. 35. Zu den Beschwerdebriefen: Vgl. Stadtarchiv München, STRA-40-65-12, Neubauer, Brief an Münchner Stadtrat über Beschwerde über den „Platz der Opfer des Faschismus“, 28. März 1946. Und Vgl. Stadtarchiv München, STRA-40-65-12, Hubermayer, Postkarte an Oberbürgermeister Scharnagl über Umbenennung des „Platz der Opfer des Faschismus“, der Schreiber empfindet den Namen als zu lang, 28. März 1946.

[10] 1992-STRA-40-65-12, Hubermayer, Postkarte an Oberbürgermeister Scharnagl über Umbenennung des „Platz der Opfer des Faschismus“, der Schreiber empfindet den Namen als zu lang, 28. März 1946.

[11] Wetzel, Jakob: Schwieriges Erinnern.

[12] Stadtarchiv München, STRA-40-65-12, Neubauer, Brief an Münchner Stadtrat über Beschwerde über den „Platz der Opfer des Faschismus“, 28. März 1946

[13] Vgl. Hoser, Paul: Entnazifizierung, URL: https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Entnazifizierung#Reaktionen_in_der_Gesellschaft [zuletzt abgerufen am 19.01.2026]

[14] Schalm, Sabine: Karl Scharnagl (17.1.1881 München – 6.3.1963 München), URL: https://www.nsdoku.de/lexikon/artikel/scharnagl-karl-733[zuletzt abgerufen am 07.04.2026].

Schlemmer, Thomas: Scharnagl, Karl, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd117109681.html#ndbcontent [zuletzt abgerufen am 07.04.2026].