Kontinuitäten, Brüche und Transformationen des Ehrregimes und der Um-Benennungspraxen nach der Entnazifizierung

Stabilität, Ordnung und moralische Orientierung

Der Wiederaufbau von Infrastruktur und Demokratie im ersten Nachkriegsjahrzehnt sollte für die Stadt München und ihre Bewohner:innen Stabilität, Sicherheit und neue Kontinuität bedeuten. Straßenbenennungen sollten eine moralische Orientierung in einer als unsicher empfundenen Gegenwart bieten. Und wer konnte im katholisch geprägten Bayern mehr Orientierung und Struktur bieten als die Kirche und ihre Vertreter?

Nur wenige Tage nach dem Tod von Kardinal Michael von Faulhaber im Juni 1952 stellte die CSU-Stadtratsfraktion einen Dringlichkeitsantrag zur Benennung einer Straße nach dem Erzbischof von München und Freising. Die Verdienste des Kardinals um München waren stadtbekannt. Eine Benennung sei „Ehrenpflicht“ und der Stadtrat ehrte ihn unmittelbar nach seinem Tod einstimmig mit einer Straßenbenennung. Diese ist bis heute umstritten und gilt als Straße mit „erhöhtem Diskussionsbedarf“. Faulhaber stand der Demokratie kritisch gegenüber und sympathisierte mit dem Nationalsozialismus. Auch sein Umgang mit Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche wird kritisiert.

Straßennamen, Ehrregime und Stadtentwicklung

Im Zuge der ersten (Um-) Benennungen nach Kriegsende waren „baulinienmäßig ausgewiesene“ Verkehrsflächen in Freimann für eine Ehrung von Christoph Probst und Willi Graf vorgesehen worden. Da sich die Stadtentwicklungspläne im vorgesehenen Bereich nicht realisieren ließen, beschloss die Stadt München, die Mitglieder der Weißen Rose an einem anderen Ort in den Stadtplan einzuschreiben. Die Wahl fiel 1963 auf die Studentenstadt Freimann, die sich in gerade in Bau befand.

Nach dem Abschluss des Wiederaufbaus, konzentrierte sich die Stadt München ab den 1960er Jahren zunehmend auf die Stadterweiterung. Der Nachkriegsboom hinterließ auch im Stadtplan seine Spuren. Neue Wohngebiete und Verkehrswege entstanden, wie etwa in der Studentenstadt Freimann. Die Vergabe neuer Straßennamen bot die Möglichkeit, die Erinnerung an den studentischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus in den Stadtplan einzuschreiben — gerade dort, wo sich viele Studierenden aufhielten.

Neben Probst und Graf wurde auch Hans Leipelt mit einer Straße gewürdigt, der den Widerstand der Weißen Rose fortführte. In diesen Neubenennungen in der größten Studierendensiedlung Deutschlands verband sich die Fortschreibung der demokratischen Erinnerungskultur im öffentlichen Raum mit der Entwicklung Münchens zu einer modernen Universitätsstadt.