Die Weiße Rose und ihre Bedeutung in der unmittelbaren Nachkriegszeit
Von Jill Popin
Spätestens mit der Veröffentlichung von „Die Weiße Rose“ durch Inge Scholl, die Schwester von Hans und Sophie Scholl, im Jahr 1952,[1] wurde die unter dem gleichen Namen bekannte Gruppierung zur Galionsfigur des studentischen Widerstands gegen den Nationalsozialismus in Deutschland.[2] Aus der Verehrung der Mitglieder der Weißen Rose als Ikonen der Widerstandsbewegung entstand eine weitreichende Erinnerungskultur, die in Gedenkveranstaltungen, Mahnmalen, Filmen, aber auch durch Straßen- und Platznamen wie dem des Geschwister-Scholl-Platzes vor der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) bis heute fortbesteht.[3]
Wie kam es jedoch dazu, dass die Weiße Rose, und insbesondere die Geschwister Hans und Sophie Scholl, ein so wichtiger Bestandteil der Erinnerungskultur wurden? Anhand von Stadtratsprotokollen, Briefen und Zeitungsartikeln aus dem Stadtarchiv München nähere ich mich dem Thema. Ich untersuche dabei, wie die Benennung von Straßen mit der Schaffung von Erinnerung zusammenhängt, welche Umstände zur Ehrung der Geschwister Scholl durch die Benennung des zentral gelegenen Vorplatzes der LMU München führten, und wie dies die Erinnerungskultur im München des Nachkriegsdeutschlands reflektiert.
(Um)Benennungen als Bruch mit der Vergangenheit
In der Benennung von Straßen und Plätzen wird Vergangenheit im Alltag omnipräsent und gleichzeitig in einen scheinbar unpolitischen Gebrauchskontext versetzt.[4] Welche Personen, Orte und Ereignisse eine Stadt mit einem Straßennamen würdigt, hängt dabei letztendlich davon ab, was in einer Gesellschaft als ehr- und erinnerungswürdig gilt.[5] Straßennamen spiegeln damit eine offizielle Version der Vergangenheit wider, die durch die Inhaber politischer und institutioneller Macht geprägt ist.[6] Sie tragen so durch ihre alltägliche Verwendung zur Naturalisierung einer offiziellen Version der Vergangenheit bei und dienen damit dazu, die vorherrschende gesellschaftliche und politische Ordnung zu legitimieren.[7]
Im Deutschland der Nachkriegszeit war diese Legitimierung mit einer Distanzierung von der nationalsozialistischen Vergangenheit und der Verpflichtung zu einer demokratischen Neuorientierung verknüpft.[8] Die Umbenennung von Straßen war ein Symbol für die Loslösung vom Nationalsozialismus und für das Bekenntnis zur Demokratie.[9]
Wie wichtig Straßenbenennungen für die neue Erinnerungskultur im Rahmen der Entnazifizierung waren, zeigt das Protokoll der Sitzung des Münchner Stadtrats vom 5. Februar 1946.[10] Nebst dringenden Fragen des öffentlichen Lebens wie der Wohnungsversorgung, dem Umgang mit Kriegsschäden und der Bereitstellung von Nothilfe für die Bewohner des vom Krieg zerstörten München, werfen die Ratsmitglieder auch Fragen nach der Benennung von Straßen auf. Dass den Diskussionen um Straßennamen schon kurz nach Kriegsende ein zentraler Raum im im politischen Diskurs zugewiesen wurde, zeigt auf, welche Dringlichkeit die Anpassung des Stadtbildes für München besaß. Der Nutzen von Straßennamen als Mittel dafür, die Erinnerungskultur und das historische Selbstverständnis der Stadt zu prägen, war den Mitgliedern des Stadtrates bewusst.[11]
Ehrung der Geschwister Scholl:ein demokratischer Prozess
Deutsche Städte und Kommunen wandten nach Kriegsende unterschiedliche Strategien bei der (Um-) Benennung von Straßen und Plätzen an.[12] Ehrungen für den Widerstand und die Opfer des Nationalsozialismus wurden jedoch über die Grenzen der Besatzungszonen in die Stadtpläne eingeschrieben.[13] Dazu zählten auch die Mitglieder der Weißen Rose, allen voran das Geschwisterpaar Hans und Sophie Scholl, nach denen in ganz Deutschland Straßen, Plätze und Schulen benannt wurden.

Brief des Münchner Bürgers Anton Gruber an den Oberbürgermeister Münchens, Dr. Karl Scharnagl, mit Bitte um Ehrung der Mitglieder der Weißen Rose. MStArch, STRA-40-65-12.
Diese Benennungen in der unmittelbaren Nachkriegszeit wurden im Kontext der Entnazifizierung häufig als Entscheidungen von oben herab interpretiert, bei denen Stadtbewohner nur wenig Einfluss auf Ehrungen ausüben konnten. Impulse für die Benennung der Vorplätze der LMU nach den Geschwistern Scholl und Prof. Kurt Huber kamen nicht aus der Stadtverwaltung, sondern auch aus der Bevölkerung.[14] Bürger, Hinterbliebene der Mitglieder der Weißen Rose und anderer Widerstandsgruppen wandten sich ab Juni 1945, also nur wenige Wochen nach Kriegsende, an den Stadtrat mit der Bitte, Straßen nach den Geschwistern Scholl, Kurt Huber und Alexander Schmorell zu benennen.[15]

Anfrage der Ehemaligen Kampfgruppe ziviler Aktivisten 07 an den Oberbürgermeister Münchens mit Bitte um Ehrung von Mitgliedern der Weißen Rose im Stadtbild. MStArch, STRA-40-65-12.
Dass der Wunsch nach Ehrungen für die Weiße Rose aus der Bevölkerung kam, zeigt, dass die Widerstandsgruppe, und insbesondere die Geschwister Scholl, bereits unmittelbar nach Kriegsende im kollektiven Gedächtnis Münchens verankert war. Welche Umstände führten also dazu, dass einige Münchener:innen sich schon so früh für eine Ehrung der Geschwister Scholl engagierten? Dies könnte an den spektakulären Umständen der Verhaftung von Hans und Sophie Scholl liegen. Die Geschwister wurden am 18. Februar 1943 bei der Verteilung von Flugblättern im Hauptgebäude der LMU durch den Hausschlosser Jakob Schmid als erste Mitglieder der Gruppe festgesetzt.[16] Die Verurteilung in einem öffentlichen Schauprozess trug zudem dazu bei, dass unter der Bevölkerung Wissen über die Widerstandsgruppe vorhanden war.
Erinnerungskultur als Mittel der Rechtfertigung
„Nur ihr Lebensopfer konnte für diejenigen draußen, deren Blick nicht von Haß verdunkelt ist, im grell leuchtenden Blitz des Fallbeils offenbaren, was in zahllosen Deutschen während jener schrecklichen Zeit vorging.“[17]
So beschrieb der Journalist und Mitbegründer der Süddeutschen Zeitung Franz Joseph Schöningh den Tod der Mitglieder der Weißen Rose in seinem Artikel „Sechs Tote bitten die Welt um Gerechtigkeit“ und deutete damit den Widerstand der Weißen Rose als unpolitische Handlungen aus christlicher Überzeugung.[18] Durch die Deutung der Mitglieder der Weißen Rose als Sühneopfer entlastete Schöningh, der selbst als Mitarbeiter im Generalgouvernement an Deportationen in Polen beteiligt war, symbolisch die Deutschen von der Mitschuld am Nationalsozialismus..[19] Schöninghs Artikel zeigt, wie Mythos und Erinnerung um die Weiße Rose und insbesondere um die Geschwister Scholl als Mittel der Rechtfertigung für das eigene und kollektive Handeln im Nationalsozialismus brauchbar gemacht wurden.
Dieser Umgang mit dem Gedenken an die Mitglieder der Weißen Rose spiegelt sich sowohl im zeitgenössischen Diskurs als auch der hieraus entstandenen Erinnerungskultur wider, und findet so auch in der symbolischen Benennung des Platzes vor der LMU München – selbst gerade nicht nur Ort des Widerstands der Weißen Rose, sondern als staatliche Institution auch Mithandelnde des Nationalsozialismus – seinen Anklang.
Jill Popin studiert im Abschlusssemester Germanistik mit dem Nebenfach Geschichte an der LMU München.
[1] Inge Scholl: Die Weiße Rose, Frankfurt am Main 1952.
[2] Vgl. Johannes Tuchel: Im Spannungsfeld von Erinnerung und Instrumentalisierung – Die Wahrnehmung der studentischen Widerstandsgruppe Weiße Rose im westlichen Nachkriegsdeutschland bis 1968, in: Rösch, Mathias (Hrsg.): Erinnern und Erkennen. Festschrift für Franz J. Müller, Stamsried 2004. S. 45-59, hier S. 54-55.; Vgl. auch Kristina Kargl: Die Weiße Rose – Defizite einer Erinnerungskultur. Einfluss und Wirkung des Exils auf die Publizität der Münchner Widerstandsgruppe, München/Freienbrink 2014, S. 13, 35.
[3] Vgl. Tuchel: Im Spannungsfeld, S. 50-51.
[4] Vgl. Maoz Azaryahu: Renaming the Past in post-Nazi Germany: Insights into the Politics of Street Naming in Mannheim and Potsdam, in: Cultural Geographies 19 (2012) 3, S. 385-400, hier S. 388.; Vgl. auch Maoz Azaryahu: Renaming the Past: Changes in „City Text“ in Germany and Austria, 1945-1947, in: History and Memory 2 (1990) 2, S. 32-53, hier S. 34.
[5] Vgl. Pöppinghege: Geschichtspolitik per Stadtplan, S. 24.
[6] Vgl. Frese: Straßennamen als Instrument der Geschichtspolitik und Erinnerungskultur, S. 9-10.
[7] Vgl. Azaryahu: Changes in „City Text“, S. 34.
[8] Vgl. Azaryahu: Renaming the Past in post-Nazi Germany, S. 386.
[9] Vgl. ebd., S. 387.
[10] Stadtarchiv München (MStArch), RP-719-1, Niederschrift über die 3. Sitzung des Stadtrates der Landeshauptstadt München vom 5. Februar 1946, 05.02.1946 (Abb. 1).
[11] Vgl. auch Pöppinghege: Geschichtspolitik per Stadtplan, S. 33.; Vgl. zu ähnlichen Mustern in Berlin auch Azaryahu: Changes in „City Text“, S. 37.
[12] Vgl. Azaryahu: Renamng the Past in post-Nazi Germany, S. 387.
[13] Vgl. Pöppinghege: Geschichtspolitik per Stadtplan, S. 27.
[14] Vgl. ebd., S. 24.; Vgl. auch Azaryahu: renaming the Past in post-Nazi Germany, S. 396-397.
[15] Vgl. MStArch, STRA-40-65-12, Straßenbenennung nach Prof. Huber, Scholl, Schmorell, Anton gruber: An den Oberbürgermeister der Landeshauptstadt München Hr. Dr. K. Scharnagl, 30.08.1945; Vgl. MStArch, STRA 40-65-12, Straßenbenennung nach Prof. Huber, Scholl, Schmorell, Ehemalige Kampfgruppe ziviler Aktivisten 07: An die Stadtverwaltung München zu Händen des Herrn Oberbürgermeisters , 13.07.1945.
[16] Vgl. Kargl: Die Weiße Rose, S. 40.
[17] Schöningh, Franz Joseph: Sechs Tote bitten die Welt um Gerechtigkeit. Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom 01.11.1946, in: MStArch, STRA-40-65-12, Straßenbenennung nach Prof. Huber, Scholl, Schmorell.
[18] Tuchel: Im Spannungsfeld, S. 49.
[19] Vgl. Kargl: Die Weiße Rose, S. 169.