„Stunde Null“?

Das Kriegsende und die Befreiung Münchens im April 1945

Am 30. April 1945 besetzte die US-Armee München nahezu kampflos. Die „Hauptstadt der Bewegung“, so der NS-Ehrentitel der bayerischen Landeshauptstadt, lag in Trümmern - infrastrukturell und ideologisch. 60 Prozent der Bausubstanz waren zerstört, und bis zu 300.000 Menschen waren obdachlos. Es fehlten Lebensmittel, Heiz- und Baumaterial. Politisch und gesellschaftlich war München von zwölf Jahren nationalsozialistischer Herrschaft geprägt.

Am 4. Mai 1945 wurde Karl Scharnagl von der amerikanischen Militärregierung zum Oberbürgermeister ernannt, ein Amt, das er bereits von 1926 bis 1933 innegehabt hatte. Scharnagl und die provisorische Stadtverwaltung standen vor der Aufgabe, das öffentliche Leben wiederherzustellen und den politischen, gesellschaftlichen und öffentlichen Raum von nationalsozialistischen und militaristischen Einflüssen zu befreien.

Der Entnazifizierungsprozess geschah nicht nur auf Initiative der Militärregierung, sondern auch aus der Münchner Gesellschaft heraus. Scharnagl verfügte, dass "Langjährige" der NSDAP in der Stadtverwaltung nicht mehr zum Dienst erscheinen sollten. Ein Drittel der Stadtbeamten verlor ihre Stellen, da sie als politisch belastet galten. Aufgrund des Ausmaßes der Entlassungen drohte die Stadtverwaltung Münchens zu kollabieren. Aufgaben, wie das Anbringen der Straßenschilder waren aufgrund des Personal- und auch Materialmangels kaum zu verwirklichen.

Zeitleiste: Befreiung und der Beginn der Entnazifizierung in München

Der demokratische Neubeginn in München war unmittelbar mit der Entfernung nationalsozialistischer Symbole und Personenehrungen aus dem Stadtbild verbunden. Beispielhaft hierfür stehen die Entfernung des Freikorpsdenkmals in Giesing 1945, sowie die Zerstörung der Ehrentempel auf dem Königsplatz 1947. Die Um-, Rück- und Neubenennungen von Straßen und Plätzen machten auch den Stadtplan zu einem Schauplatz der Entnazifizierung und des demokratischen Neubeginns.

  • 28. April 1945: Aufruf der Freiheitsaktion Bayern (FAB) zur Kapitulation der Bevölkerung, Ehrung durch Benennung der Münchener Freiheit
  • 30. April 1945: Befreiung Münchens durch die US-Armee
  • 1. Mai bis 1. Juli 1945: Umbenennung von 105 Straßen und Plätzen nationalsozialistischen und militärischen Charakters, z.B. Benennungen nach Adolf Hitler, Hermann Göring, Franz Ritter von Epp, Horst Wessel, Obersalzberg, Danzig
  • 4. Mai 1945: Karl Scharnagl wird als Münchener Oberbürgermeister eingesetzt
  • 6. Juni 1945: Beschluss des Stadtrats, Ehrungen wie Ehrenbürgerschaften und Straßennamen aus der NS-Zeit zu streichen.
  • 27. Juni 1945: Karl Scharnagl meldet der US-Militärregierung, dass nationalsozialistische Benennungen geändert werden. 
  • 1. August 1945: Erste Sitzung des Münchener Stadtrats
  • 5. November 1945: Der Stadtrat debattiert erstmals über die Entehrung Paul von Hindeburgs
  • 3. Dezember 1945: Der Stadtrat beschließt die Umbenennung des Melusinenplatzes in Karl-Preis-Platz als Ehrung für den verstorbenen Leiter des Wohnbau- und Siedlungsreferats, der maßgeblich an den ersten Umbenennungen 1945 beteiligt war.
  • 3. Januar 1946: Der Stadtrat debattiert erstmals über eine mögliche Benennung nach den Geschwistern Scholl und weiteren Mitgliedern der Weißen Rose
  • 5. Februar 1946: Beschluss zur Umbenennung der Plätze vor dem Hauptgebäude der Ludwig-Maximilians-Universität nach den Geschwistern Sophie und Hans Scholl und Professor Kurt Hubers sowie dem Harthauser Platz in Harlaching nach Alexander Schmorell
  • 5. März 1946: „Gesetz zur Befreiung vom Nationalsozialismus und Militarismus“ (Befreiungsgesetz) in der amerikanischen Besatzungszone, Übertragung der Entnazifizierung an deutsche Behörden
  • 26. März 1946: Umbenennung des Hindenburgplatzes in Freiheitsplatz, Benennung eines Teils des Maximiliansplatzes in Platz der Opfer des Faschismus (Später: des Nationalsozialismus)
  • 26. Mai 1946: Erste Stadtratswahl in München
  • 3. Dezember 1946: Der Stadtrat beschließt die Umbenennung des Feilitzschplatzes in Schwabing in Münchener Freiheit als Ehrung für die Freiheitsaktion Bayern
  • 8. Dezember 1946: Inkrafttreten der Bayerischen Landesverfassung
  • 14. Januar 1947: Der Stadtrat debattiert über die alliierte Kontrollratsdirektive

Entnazifizierung zwischen Aufbruch und Ermüdung: Umbenennungen, Entehrungen und der „Druck einer gewissen öffentlichen Meinung“

Die Debatte über die Umsetzung der alliierten Kontrollratsdirektive Nr. 30 im Münchener Stadtrat im Januar 1947 ließ erste Konflikte im Zusammenhang mit den Straßenbenennungen zutage treten. Die Alliierten hatten angeordnet, sämtliche nationalsozialistischen und militaristischen Denkmäler, Erinnerungsorte und Straßennamen bis zum 1. Januar 1947 aus dem Stadtbild zu entfernen. 700 weitere Umbenennungen sollten beschlossen werden und  Hunderte von Straßen und Plätzen waren bereits ohne größere Kontroversen umbenannt worden. Gründe hierfür waren Benennungen nach NS-belasteten Personen und Orten, sowie Doppelungen bei Eingemeindungen. Der Konflikt entbrannte letztlich über die Notwendigkeit und das Ausmaß der Umbenennungen und führte zu einer politischen wie öffentlichen Debatte.

Bis heute bergen Straßenumbenennungen Konfliktpotenzial in erinnerungspolitischer Debatten. Fragen nach Kosten, Aufwand, Tradition oder Symbolpolitik bestehen fort. Auch in der unmittelbaren Nachkriegszeit begründeten die Gegner:innen ihre Ablehnung.